Der "Pfleger mit dem schwarzen Schatten"

Die womöglich bundesweit größte Mordserie der Nachkriegszeit

In Oldenburg hat der Prozess um die womöglich bundesweit größte Mordserie der Nachkriegszeit begonnen. Der bereits verurteilte ehemalige Krankenpfleger Niels Högel muss sich nun wegen 100 mutmaßlicher Morde an Patienten der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst verantworten. Weil zu dem Verfahren 126 Nebenkläger zugelassen sind, findet der Prozess aus Platzgründen in der Weser-Ems-Halle statt.

 

Worum geht es?

Etwa eineinhalb Stunden lang verliest die Oberstaatsanwältin insgesamt vier Anklageschriften: Niels Högel soll danach in den Jahren zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst über 100 Patienten getötet haben, indem er ihnen eigenmächtig Medikamente verabreicht hatte, die lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Stillstände auslösten. Nach Einschätzungen der Ermittler wollte der Krankenpfleger die Patienten nach Verabreichung der Medikamente wiederbeleben, um vor Kollegen mit seinen heldenhaften Fähigkeiten zur Reanimation zu prahlen. Für seine Taten nutzte er die Medikamente Gilurytmal, Kalium, Sotalex, Xylocain und Cordarex. Erst im Jahre 2005 konnte er gefasst werden, obwohl er bereits im Zeitraum 1999 bis 2002 auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei war - und als er dann 2003 als Pfleger auf die Intensivstation an das Klinikum Delmenhorst wechselte, verdoppelte sich die Todesrate in der Abteilung beinahe. Doch erst am 22. Juni 2005 konnte er letztlich von einer Krankenschwester auf frischer Tat ertappt werden, als er einem 63-jährigen Patienten mehrere Ampullen Gilurytmal spritzte und eine Pumpe mit einem lebenswichtigen Medikament abschaltete. Trotz dieses Vorfalls ließ ihn die Krankenhausleitung noch zwei weitere Tage im Krankenhaus arbeiten, sodass er am 24. Juni 2005 einen weiteren Mord begehen konnte.   

Mehr als 130 Leichen exhumiert

Wegen der Tat an dem 63-Jährigen wurde Högel sodann vom Landgericht Oldenburg wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Als eine Angehörige ihrer im Jahre 2003 im Krankenhaus Delmenhorst verstorbenen Mutter in der Zeitung von der Verurteilung liest, kommt der Fall langsam richtig ins Rollen, da sie auf die Exhumierung ihrer verstorbenen Mutter drängt. Später lässt die Staatsanwaltschaft acht weitere Leichen exhumieren und eine Sonderkommission “Kardio” wird gegründet, die die fragwürdigen Todesfälle während der Dienstzeiten Högels untersuchen soll. Hierzu wurden mehr als 500 Patientenakten ausgewertet - die Staatsanwaltschaft ordnete daraufhin die Exhumierung von 134 weiteren Leichen auf insgesamt 67 Friedhöfen an - sogar in Polen und in der Türkei.

Die Ermittler fanden tatsächlich in 99 Fällen auffällige Spuren von Medikamenten und somit Hinweise auf einen möglichen Mord. Es gibt sogar noch weitere Verdachtsfälle - da viele mögliche Opfer aber eingeäschert wurden, ist hier ein toxikologischer Nachweis und eine Aufklärung nicht mehr möglich. Zieht man weitere Faktoren heran, wie die Entwicklung der Sterbefälle oder den Medikamentenverbrauch auf den Stationen, auf denen Högel tätig war, so kommt man auf 200 bis 300 potentielle Opfer in den Jahren 2000 bis 2005 - die Sonderkommission “Kardio” spricht sogar von insgesamt 322 möglichen Opfern. 

 

Frage der Glaubwürdigkeit

Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Oldenburg verspricht den Angehörigen der Getöteten, im Verlauf des Prozesses mit aller Kraft nach der Wahrheit zu suchen. Am ersten Prozesstag rückt daher die Frage in den Mittelpunkt, wie aus einem unauffälligen Krankenpfleger der womöglich schlimmste bekannte Serienmörder in der Geschichte der Bundesrepublik werden konnte. Högel sagt aus, dass er einerseits “Leistung bringen” und zum “harten Kern elitärer Pflegekräfte” zählen wollte. Andererseits habe er sich “orientierungslos” und “allein” gefühlt und kam mit der Arbeit oft nicht zurecht. Er erzählt dabei, wie ein Patient einmal begann bei vollem Bewusstsein massiv zu bluten, als Högel neben ihm stand. Ärzte eilten hinzu, öffneten dem Patienten den Brustkorb und forderten Högel auf, das Herz des Mannes mit seinen Händen in Bewegung zu halten: “Das war alles so rasant, so schnell, so surreal”, sagt er. Kurze Zeit später beginnt er seine Mordserie im Krankenhaus in Oldenburg und spritzt am 07. Februar 2000 einer 77 Jahre alten Patientin das Medikament Lidocain. Als Motiv führt er “Imponiergehabe” an - er habe getötet, um positive Rückmeldungen für seine Reanimationsfähigkeiten zu bekommen. 

In vorangegangenen Prozessen hatte er noch beteuert, “lediglich” an die 30 Patienten getötet und dabei auch nur ein einziges Medikament verwendet zu haben. Aus den unzähligen Untersuchungen ist inzwischen klar, dass die Zahl der Opfer wesentlich höher liegt und er unterschiedliche Medikamente, teils in Kombination, für seine Taten benutzte. An den Einlassungen des ehemaligen Krankenpflegers bestehen daher Zweifel - auf Nachfrage konnte er sich nicht mehr genau erinnern und widersprach sich mehrmals. Das Gericht will unter anderem geklärt wissen, warum sich Högel erst jetzt an seine Morde im Krankenhaus in Oldenburg erinnert, während er sie noch vor vier Jahren im Prozess abgestritten hatte.  

Prozesse gegen die Verantwortlichen der Krankenhäuser

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit wird auch deshalb interessant, weil auch die Vorgesetzten und Kollegen von Niels Högel künftig vor Gericht gestellt werden: Denn nach allem was bislang bekannt ist, soll in den Krankenhäusern Oldenburg und Delmenhorst einiges vertuscht worden sein - man habe die Warnzeichen dort nicht nur übersehen, sondern aktiv verdrängt. Högel habe sogar ein gutes Arbeitszeugnis bekommen und sei vom Oldenburger Krankenhaus nach Delmenhorst weggelobt worden, obwohl deutlich wurde, dass etwas nicht stimmte. Der drohende Imageschaden des Krankenhauses sei höher bewertet worden, als das Wohl der Patienten.

Kollegen hätten durchaus mitbekommen, dass während Högels Dienstzeiten besonders viele Patienten starben - den “Pfleger mit dem schwarzen Schatten” nannten sie ihn, zeigten die Taten jedoch nicht an. In den folgenden Prozessen gegen die Verantwortlichen der Krankenhäuser wird unter anderem zu klären sein, warum der um das Siebenfache gestiegene Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal niemandem aufgefallen ist und warum es zu keinen Konsequenzen kam, als in den Schichten des Pflegers die Sterbeziffer signifikant gestiegen ist. Högel hat bereits am ersten Prozesstag sichtliches Interesse daran gezeigt, die Verantwortung für seine Taten auch auf das Wirtschaftssystem der Krankenhäuser zu schieben. Vier frühere Kollegen Högels am Klinikum Delmenhorst - davon zwei Ärzte und zwei leitende Pflegekräfte - werden sich wegen Totschlags durch Unterlassen ebenfalls vor Gericht verantworten müssen. Ermittlungen gegen fünf weitere Klinikmitarbeiter aus Oldenburg laufen derzeit noch.