Gomringers Gedicht: Sexismus oder Kunstfreiheit?

Berliner Hochschule will vermeintlich sexistisches Gedicht „avenidas” übermalen

An der Wand der Alice Salomon Hochschule in Berlin steht ein Gedicht geschrieben: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer”, heißt es dort in spanischer Sprache. Die Hochschule will das Gedicht „avenidas” des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer nun aber entfernen, weil es angeblich sexisitsch sei. Doch liegt hierin nicht ein Eingriff in die Kunstfreiheit?

Worum geht es?

Seit nunmehr sechs Jahren ist an der Hochschulwand das Gedicht „avenidas” in großen schwarzen Buchstaben zu lesen:

„avenidas / avenidas y flores / flores / flores y mujeres / avenidas /avenidas y mujeres / avenidas y flores y mujere y/ un admirador”, was so viel bedeutet wie “Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer”.

Niemand hat sich an dem Gedicht gestört oder eine vermeintlich sexistische Aussagekraft herausgelesen. Bis zum April 2016: Der Asta der Hochschule beschwerte sich über die Bedeutung des Gedichts, das nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition reproduziere, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen seien und die männlichen Künstler zu kreativen Taten inspirieren, sondern erinnere zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt seien. Das Gedicht würde Frauen zum Objekt männlicher Bewunderung degradieren. Der Asta forderte daher, das aus dem Jahr 1951 stammende Gedicht zu entfernen.

Political Correctness oder Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie?

Der Akademische Senat nahm den Antrag zwar an. Allerdings war der Rektor der Hochschule zunächst gegen die Entfernung des Gedichts und schlug vor, das Gedicht in einen anderen Kontext zu rücken - zum Beispiel durch den Zusatz einer weiteren Strophe. Hochschulmitglieder sollten bis Mitte Oktober Zeit haben, Änderungsvorschläge einzubringen. Diesen Dienstag wurde aber im Akademischen Senat plötzlich mehrheitlich beschlossen, dass „avenidas” keine weitere Strophe hinzugefügt werde. Vielmehr wird die Hochschulfassade im Herbst diesen Jahres von der Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler übermalt. Von nun an soll alle fünf Jahre ein neuer Poetik-Preisträger die Hochschulwand beschreiben dürfen.

Gomringer, der zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den 50er Jahren und als Initiator der Konkreten Poesie gilt, übt scharfe Kritik an diesem Entschluss. Der 93-Jährige empfindet dies als Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie und behalte sich rechtliche Schritte vor. Auch der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, äußerte sich bestürzt: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Hochschule, die selbst Nutznießer der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist, dieses Recht dermaßen mit Füßen tritt.”

In höchstem Maße denunziert

Bereits im vergangenen Jahr hat der Fall auch international für Aufsehen gesorgt: Die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland und der Kulturrat warnten vor Zensur. Noch schärfere Kritik erfuhr der Akademische Senat der Hochschule Berlin aber von Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie, welches den Poetikpreis der ASH bislang mitveranstaltet hat: Der Preis bleibe durch den Entschluss, das Gedicht zu übermalen, in höchstem Maße denunziert, da die Hochschule sich nicht bei Gomringer für die „skandalöse” Behauptung entschuldigt habe, dass das Gedicht sexistisch sei. Das Haus der Poesie werde sich an weiteren Preisverleihungen nicht mehr beteiligen. „Die ASH sollte in Zukunft lieber die Hände von der Kunst lassen”, sagte Wohlfahrt.

Der Streit um „avenidas” ist damit jetzt erst richtig in Fahrt gekommen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Gedicht auch vor Gericht verhandelt wird. Es wird dann unter anderem auch zu klären sein, wem das Gedicht auf der Fassade überhaupt gehört. Gomringer? Der Hochschule? Laut Prorektorin der ASH habe Gomringer eine kleine Lizengebühr sowie ein Preisgeld für das Gedicht bekommen. Zudem stehe die Hochschule hinter der bemalten Fassade, also solle sie auch darüber entscheiden dürfen, ob das Gedicht weiterhin ihr Selbstverständnis repräsentiere. Und was ist mit dem Urheberrecht? Der Streit um „avenidas” sollte also mit Spannung verfolgt werden.