Geschlechterklischees im Jurastudium

Aktuelle Studie bemängelt (Geschlechter-) Stereotype in Examensfällen

Im Jurastudium hast Du beinahe täglich mit juristischer Fallgestaltung zu tun. Diese Fälle sind manchmal so formuliert, dass sie einen gewissen Unterhaltungswert haben, um das Lernen etwas amüsanter zu gestalten. Doch stimmt es, dass die Sachverhalte Rollenklischees bedienen und diskriminierend formuliert werden? Drei Juristinnen meinen: Ja!

 
Worum geht es?

Selma Gather, Lucy Chebout und Dana-Sophia Valentiner haben einen tumblr Block mit dem Namen „Üble Nachlese“ gegründet und wollen so auf die Diskriminierung in juristischen Sachverhalten aufmerksam machen und die Studierenden sowie das Lehrpersonal in der Rechtsdidaktik sensibilisieren.

Die Doktorandin der Universität Hamburg, Dana-Sophia Valentiner, hat zur Untermauerung ihrer Hypothese 87 Übungsfälle aus den Examensklausuren der Bucerius-Law School sowie der Universität Hamburg ausgewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass 80% der untersuchten Hauptpersonen männlich, dagegen nur 18% weiblich seien. Die Frauen werden in den Sachverhalten auch überwiegend in Bezug zu einem Mann als Freundin oder Ehefrau dargestellt und seien meist finanziell von den Männern abhängig. Zudem stellte Valentiner fest, dass die Straftäter in den Fällen überwiegend ausländische Namen trugen. Die Verfasserinnen des Blogs wiesen darauf hin, dass es den meisten Studierenden aufgrund des vordergründigen Interesses, den Stoff zu verstehen und sich besser merken zu können, nicht bewusst auffalle, dass Klischees erfüllt werden.
 
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

Die Fallstudie kommt unter anderem zu den folgenden Ergebnissen:

 - Von 393 Personen waren 80% männlich und 18% weiblich.

 - Bei 2% war das Geschlecht nicht näher angegeben.

 - 76% der dargestellten Frauen handelten zwar weitgehend eigenständig, allerdings wurde fast die Hälfte von ihnen über eine Beziehung zu einem Mann definiert.

 - 39% der Frauen sind berufstätig; bei Männern sind es hingegen 62%.

 - Berufstätige Frauen arbeiten vor allem als Verkäuferinnen oder Pädagoginnen; Männer eher als Chef. Insgesamt sind die Berufe der Männer weitaus vielfältiger, als die der Frauen.

 - Die Sprache ist eher männlich; in 66% der Fälle wird die männliche Bezeichnung genutzt, wie z.B. „der Bewohner“ oder auch im Plural etwa „die Kollegen“.

Zudem trugen Straftäter in den ausgewerteten Fällen teilweise Namen, die auf einen Migrationshintergrund hindeuteten.
 
“Unterhaltsame” Gestaltung der Texte erleichtere das Lernen

Einige Vertreter der Lehre wandten ein, dass es eben durch eine „unterhaltsame“ Gestaltung der Texte und dem bewussten Erfüllen von Stereotypen den Studierenden leichter falle, sich die Probleme des Falls zu merken. Außerdem sollen einige Ausbildungsfälle auf Gerichtsurteilen basieren und würden daher die Realität abbilden.

Valentiner ist da anderer Ansicht: Denn es werde nicht nur für das Examen, sondern auch für das Leben gelernt. Und so könnte sich die Darstellung der Klischees, wenn auch nicht bewusst, in der späteren juristischen Laufbahn bemerkbar machen.
 
Zu wenig kritische Auseinandersetzung mit dem Erlenten

Als mögliche Verbesserungsvorschläge gab Valentiner an, dass die personenbezogenen Stereotypen aufgespürt und entfernt werden könnten (Neutralisierung), es könnte bewusst eine umgekehrte Darstellung der Klischees stattfinden (Gender Trouble), oder aber es könnten vielfältigere Identitäten und Lebensentwürfe dargestellt werden (Diversität). Die Verfasserinnen des Blogs mahnen zudem, dass in der intensiven und anstrengenden Juristenausbildung häufig die kritische Auseinandersetzung mit dem Erlernten zu kurz komme und die Studierenden nicht die Sachverhalte hinterfragen würden. Vielmehr ginge es lediglich um die Vermittlung von Sachwissen.
Den Blog betreiben die drei Juristinnen seit Januar 2017. Dies tun sie nun im Rahmen des Arbeitsstabs Ausbildung und Beruf des deutschen Juristinnenbundes.

Mittlerweile planen sie durch Workshops, Schulungsangebote und einem Katalog an Reflexionsfragen, sowie Lehrevaluationsbögen ihre Initiative an möglichst viele Dozenten heranzutragen.