Selbstmord vor dem UN-Tribunal

Kriegsverbrecher trinkt Gift während Urteilsverkündung

Es sollte die letzte Urteilsverkündung am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag sein und ein wegweisendes Kapitel in der Weltjustizgeschichte schließen. Denn zum Ende diesen Jahres stellt das Uno-Kriegsverbrechertribunal seine Arbeit ein. Statt eines würdigen Endes kam es jedoch zu dramatischen Szenen.

Praljak trinkt Gift

Der vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte ehemalige Militärchef der bosnischen Kroaten -Slobodan Praljak- hat sich vor den Augen der Richter vergiftet. Er verstarb anschließend in einem Krankenhaus. Praljak, einer von sechs bosnisch-kroatischen Angeklagten, wurde wegen zahlreicher Kriegsverbrechen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Während der Urteilsverkündung stand er auf und rief: “Euer Ehren, Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher. Ich lehne Ihr ekelhaftes Urteil ab.” Anschließend trank er eine Flüßigkeit aus einem kleinen Glas. Seine Anwältin rief kurz darauf, dass er Gift genommen habe. Die Urteilsverkündung wurde unterbrochen, die Vorhänge zum Beobachtungssaal geschlossen, der Saal wurde zum Tatort erklärt und die Verhandlung verlegt. 

Kroatiens Mitschuld am Bosnienkrieg

Die Justiz wird jetzt klären müssen, wie es Praljak trotz strenger Sicherheitsauflagen gelingen konnte, das Gift in den Saal zu schmuggeln. Unklar ist auch, wie er die Flüssigkeit im Haager Uno-Haftzentrum erhalten konnte. Dabei ist die Diskussion über die Überwachung der Gefangenen keine neue: Bereits im Gefängnis kam es vor längerer Zeit zu zwei Selbstmorden von ICTY-Angeklagten. Die niederländische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet. Es sollen unter anderem die Fragen geklärt werden, woran Praljak starb und ob er bei der Beschaffung des Gifts Hilfe von außen bekommen habe. 
Der Freitod könnte Praljak in seiner Heimat in Kroatien für einige zum Märtyrer werden lassen und überschattet zunächst eine weitere wichtige Feststellung des Gerichts: Die Haager Berufungsinstanz hat nicht nur die Urteile gegen die sechs ehemaligen Führer der bosnischen Kroaten aus dem Jahr 2013 bestätigt, sondern hat auch die Mitschuld Kroatiens und seines ehemaligen Staatspräsidenten -Franjo Tudjman- am Bosnienkrieg rechtskräftig festgestellt.
Kroatien reagierte empört und empfand diese Feststellung als unbegründet ungerecht, nicht mit den Fakten übereinstimmend und inakzeptabel. Des Weiteren erwäge der kroatische Regierungschef rechtliche Schritte gegen das Urteil.

Tribunal eröffnet Weg für Folgeprozesse

Vor dem Uno-Tribunal mussten sich insgesamt 161 Menschen verantworten und unter ihnen die hochrangigsten Verbrecher der postjugoslawischen Kriege. Letztlich wurden 84 von ihnen verurteilt. Das Massaker an über 8000 Bosniern in Srebrenica wurde vom Gerichtshof nicht nur als Massenmord und Verbrechen gegen die Menschheit eingestuft, sondern als Völkermord. Dabei wurden erstmals auch Vergewaltigungen zum Kriegsverbrechen erklärt.

Insgesamt 11.000 Prozesstage, tausende Zeugen und mehr als 190.000 Dokumente und Beweisstücke kamen am ICTY zusammen. Die Dokumente werden als Archiv erhalten bleiben und ebnen den Weg für mögliche Folgeprozesse gegen rangniedrigere Kriegsverbrecher.

Quelle: www.spiegel.de