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Auslandssemester – ja oder nein?

Ein Erfahrungsbericht einer Studentin von der FU Berlin.

erschienen am 20. July 2016

Soll ich oder soll ich nicht? Leider quälen sich viele Jurastudenten mit der Frage, ob sie für ein Semester ins Ausland gehen sollen oder nicht. „Das bringt mich fachlich nicht weiter” ist kein seltenes Contra-Argument. Andere befürchten, dass sie zu viel Wissen verlieren. Diese Einwände sind berechtigt. Allerdings sind die Erfahrungen, die man akademisch und kulturell sammelt, es mehr als wert, den Schritt zu wagen.

 

Zuerst: Keine Angst haben

Viele scheuen das Auslandssemester, weil sie befürchten, auf dem Weg zum Examen, zu sehr vom Weg abzukommen und danach große Schwierigkeiten dabei zu haben, wieder einzusteigen. Wähle Deinen Termin für das Auslandssemester deshalb sorgfältig: Es eignet sich ein Zeitpunkt mit einem natürlichen Einschnitt: z.B. nach der Zwischenprüfung, oder vor dem Schwerpunkt. Nachteile für das Examen selbst, brauchst Du nicht zu befürchten. Die Examensvorbereitung ist intensiv genug. Es wird Deinem Ergebnis keinen Abstrich tun, wenn Du Jahre zuvor ein Semester im Ausland verbracht hast. Im Gegenteil: Das Auslandssemester motiviert Dich, weiterzumachen und auch wieder Lust auf das Studium in Deutschland zu bekommen. Gerade im zähen Jurastudium ist eine kurze Unterbrechung, die frischen Wind bringt, gut investiert.

 

Erfahrung für sich selbst

Im Ausland lernst Du nicht nur etwas über die Kultur und die Lebensweise Deines Gastlandes, sondern auch insbesondere über Dich selbst: Wie ist es, sich in einer fremden Stadt, in einem fremden Land alleine zurechtzufinden? Was macht man, wenn man Freunde, Familie, Partner und Heimat vermisst? Diese Herausforderung sollte man in keinem Alter unterschätzen. Auch wenn derartige Erfahrungen hart sind, wirst Du langfristig an ihnen wachsen. Du wirst noch sehr lange von ihnen zehren. Sie stärken Dein Selbstbewusstsein und Du sammelst Lebenserfahrung.

 

Neue Themengebiete entdecken

Selbstverständlich ist das Auslandssemester auch auf akademischer Ebene bereichernd: Oftmals bietet sich die einmalige Gelegenheit, Fächer und Kurse zu belegen, die man zu hause niemals wählen würde. Dadurch können sich zufällig neue Schwerpunkte ergeben: Auf einmal interessiert man sich etwa für Schiedsgerichtsverfahren, obwohl man dachte, man wäre einzig und allein dem Strafrecht verfallen.

Außerdem kann das internationale Umfeld eintönige Fächer neu beleben: Themen gewinnen an Spannung, wenn man sie im internationalen Diskurs bespricht.

 

Spannende Diskussionen

Es gibt kaum ein spannenderes Forum, als eines aus jungen Menschen aus der ganzen Welt mit gleichen Interessen. Der Austausch über die Rechtssysteme und Denkschulen ist hoch interessant. Noch spannender wird es, wenn sich zeigt, wie unterschiedlich die Denkweisen dennoch sein können. Dies zeigt ein Erlebnis aus einem Internationalen Strafrechtskurs: Der Dozent schilderte einen versuchten Raub. Anschließend sollte jeder, eine aus seiner Sicht angemessene Strafe festsetzen. Die Diskussion, die daraus entstand, war hitzig: Warum wollten Studenten aus Singapur die Todesstrafe verhängen, während Deutsche auf eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung plädierten?

Es bot sich die einmalige Chance, nach den kulturellen und historischen Hintergründen zu fragen und so die Beweggründe besser nachvollziehen zu können.

 

Sprachkenntnisse aufbessern

Ein willkommener Nebenaspekt Deines Auslandssemesters: Du wirst Deine Sprachkenntnisse verbessern. Auch wenn Du viel zu anderen Deutschen in Kontakt stehst, bleiben Dir genügend Gelegenheiten, Englisch oder die jeweilige Landessprache zu sprechen. Nutze dazu den Kontakt zu den Einheimischen in der Uni, in Geschäften und auf der Straße. Es empfiehlt sich, mit einheimischen oder internationalen Studenten zusammenzuziehen. Du wirst sehen, dass Deine Sprachkenntnisse davon sehr stark profitieren werden, auch wenn Du dies nicht selbst sofort merkst.

 

Kontakte knüpfen

In keiner anderen Situation lernst Du so schnell so viele internationale und interessante Menschen kennen, wie im Auslandssemster. Zumal sich alle internationalen Studenten in derselben Situation wie Du selbst befinden, schweißt die gemeinsame Erfahrung stark zusammen.

Privat kannst Du viele Freundschaften knüpfen, die man heutzutage dank sozialer Netzwerke auch problemlos aufrecht erhalten kann. Eine günstige Nebenerscheinung: Anlaufpunkte für die nächsten Reisen weltweit.

Kontakte zu Studenten und Professoren können Dir aber auch beruflich weiterhelfen. Professoren schreiben gerne Empfehlungsschreiben oder helfen bei der Suche oder Vermittlung einer Auslandsstation im Referendariat, einem Auslandspraktikum oder auch einem Studienplatz in einem LL.M.-Programm.

 

Lebenslauf aufbessern

Natürlich weiß jeder Personaler, dass im Auslandssemester viele Partys gefeiert werden.

Das bedeutet aber nicht, dass man die Auslandserfahrung aus Angst vor einem falschen Eindruck nicht in Erwägung ziehen oder im Lebenslauf verschleiern sollte. Im Gegenteil: Juristen finden es heutzutage spannend, wenn junge Menschen Auslandserfahrungen gesammelt haben. Sie gehören in unsere globalisierte Welt. Die Erfahrungen, die man in solch einer Situation macht, sind für das Leben wertvoll und damit auch eine Bereicherung im Berufsleben. Gerade, wenn man international arbeiten möchte, hilft es, schon einmal über den Tellerrand geblickt zu haben. Es stellt sich deshalb eher die Frage, wie Du das Auslandssemester verkaufst und was Du selbst daraus macht.  

 

Spaß haben

Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass es auch dazugehört, Spaß zu haben und das Leben zu genießen. Gerade im harten und arbeitsintensiven Jurastudium, zieht das Studentenleben häufig an einem vorbei. Da darf man sich ruhig mal etwas zurückholen.

 

Fazit

Wie Du siehst, ist ein Auslandssemester absolut empfehlenswert.

Natürlich kann ein solcher Aufenthalt einen Mehraufwand bei Prüfungsleistungen oder beim Wiedereinstieg in das Studium an der Heimuniversität bedeuten. Dieser hält sich aber meist in Grenzen. Du wirst auch merken, dass Du weniger vergessen hast als befürchtet. Und vergiss nicht: Du wirst mit zahlreichen positiven Erfahrungen aus dem Auslandssemester „entschädigt”.

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