Wahrscheinlich hast Du bereits eine abstrakte Ahnung, was Dich erwartet. Klar dürfte sein, dass Du als angehender Jurist eine Menge Fälle und Probleme lösen musst und das Gesetz kennen musst. Wenn Du es bisher noch nicht erlebt hast, wirst Du spätestens auf Deiner ersten WG Party mit dem Vorurteil konfrontiert werden: „Ach Ihr Juristen müsst doch bloß die Gesetze auswendig lernen.“ Weit gefehlt!

Als Jurist lernst Du nicht die Gesetzestexte auswendig, sondern Du lernst, sie zu lesen. Allerdings ist damit nicht schlichtes Lesen gemeint, sondern, um es bereits juristisch zu formulieren, sie für den konkreten Fall auszulegen. Spätestens seit der Interpretation literarischer Werke im Deutschunterricht weißt Du, dass Worte und Sätze nicht nur in die eine Richtung zu interpretieren sind.

Ebenso verhält es sich auch mit Gesetzestexten. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Texte aus einer Zeit stammen, die nicht die heutigen Entwicklungen im Blick hatte, und dass sie aus bestimmten Fällen gewachsen sind.

Beispiel: Die hysterische Exfreundin tritt ihrem Verflossenen mit ihren nagelneuen 12 cm Stilettos in den Bauch. Hier stellt sich die Frage, ob die Stilettos möglicherweise ein gefährliches Werkzeug oder gar eine Waffe sein könnten, schließlich können die Absätze auch messerscharf sein.

Bei Erlass des Strafgesetzbuches 1872 dürfte aber die Frage, ob ein 12 cm Stiletto mit Pfennigabsatz eine „Waffe oder ein gefährliches Werkzeug“ darstellen könnte, kaum bedacht worden sein.

Und damit sind wir auch schon beim „juristischen Alltag“. Um die Frage zu beantworten, musst Du erst einmal wissen, was allgemein unter einem gefährlichen Werkzeug verstanden wird – Du musst den Begriff allgemein definieren. Eine Definition steht aber leider nicht im Gesetz.

Die musst Du dann tatsächlich wissen und sicher ist, eine eindeutige Antwort zum Stiletto wirst Du nicht finden. Da gilt es dann die Merkmale aus der Definition mit denen eines Stilettos zu vergleichen, zu recherchieren, was wohl in ähnlich gelagerten Fällen (Stiefel) bereits von der Rechtsprechung entschieden wurde und was renommierte Professoren (als Literatur) zu dem Thema meinen. Dargestellt werden Deine Gedanken dazu im sog. Gutachtenstil, den wir Dir noch gesondert erläutern.

Du siehst, Jura studieren bedeutet mehr als Auswendiglernen von Gesetzestexten. Es geht beim Jurastudium vor allem darum, ein Gespür für Problempunkte zu entwickeln und durch erlerntes „Handwerkszeug“ zu lösen.

Es wird in den kommenden Wochen eine Menge auf Dich einprasseln.

Wir selbst wissen noch recht genau, dass unser eigener Start in das Studium so ablief und haben uns daher Gedanken gemacht, was Dich im ersten Semester erwarten wird und wo unsere eigenen Probleme lagen. Unsere Erkenntnisse findest Du auf den folgenden Seiten für Dich aufbereitet. Wir hoffen, Dir in dieser Zeit eine Unterstützung und Hilfe zu sein.