Während Deines Studiums wirst Du viele Klausuren und einige Hausarbeiten schreiben, in denen Du die Rechtslage für einen bestimmten Fall ermitteln musst. Die Aufgabe lautet immer gleich: Du sollst den Sachverhalt „begutachten“.

Du schuldest also ein „Gutachten“. Und dieses Gutachten sollst Du im „Gutachtenstil“ schreiben. Dahinter verbirgt sich einerseits eine bestimmte methodische Vorgehensweise und außerdem eine bestimmte Art der Darstellung.
Als Jurist ermittelst Du nicht etwa die „gefühlte Rechtslage“ oder betreibst „Kaffeesatzleserei“, sondern unterscheidest Dich vom Nichtjuristen dadurch, dass Du eine bestimmte methodische Vorgehensweise hast und diese auch für den Leser sichtbar werden lässt.

Nichts anderes ist der Gutachtenstil. Er muss Dir in Fleisch und Blut übergehen. Böse Stimmen sagen sogar, dass Juristen irgendwann im Gutachtenstil träumen.

Der Gutachtenstil setzt sich aus vier Schritten zusammen: Obersatz, Definition, Subsumtion und Ergebnis. Beispiel:

Dann müsste eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit vorliegen (Obersatz). Eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit liegt vor, wenn die streitentscheidenden Normen ausschließlich einen Träger hoheitlicher Gewalt berechtigen oder verpflichten (Definition). Hier sind die streitentscheidenden Normen solche des Versammlungsgesetzes. Das Versammlungsgesetz berechtigt und verpflichtet ausschließlich Träger hoheitlicher Gewalt, Maßnahmen in Bezug auf Versammlungen zu ergreifen (Subsumtion). Also liegt eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit vor (Ergebnis).

Den Gutachtenstil musst Du eine Weile trainieren, bis Du ihn beherrscht. Er gilt in allen Rechtsgebieten während Deines Studiums gleichermaßen. Wenn Du genügend Übung erlangt hast, kannst Du im Laufe der Zeit unproblematische Punkte im kurz im Urteils- oder Feststellungsstil abhandeln.

Der Urteilsstil setzt sich aus dem Ergebnis und der Begründung zusammen. Die Begründung umfasst dabei die Definition und Subsumtion.

Beispiel: Es liegt eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit vor, weil die streitentscheidenden Normen, hier solche des VersammlungsG, ausschließlich einen Träger hoheitlicher Gewalt berechtigen oder verpflichten.

Der Feststellungsstil setzt sich nur aus dem Ergebnis zusammen.

Beispiel: Eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit liegt vor.

Es gibt einige typische Fehler, die Du vermeiden solltest:

1. „Abgebrochener“ Gutachtenstil

Dann müsste eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit vorliegen. Eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit liegt vor, wenn die streitentscheidenden Normen ausschließlich einen Träger hoheitlicher Gewalt berechtigen oder verpflichten, das ist hier der Fall. Hier fehlt die Subsumtion. Sollte wenig „Subsumtionsmasse“ vorhanden sein, sollte erwogen werden, den Prüfungspunkt im Urteilsstil abzuhandeln.

2. Notorisch gesteigerter Gutachtenstil („fraglich“)

Dies meint Fälle, in denen jeder Obersatz mit dem Wort „fraglich“ eingeleitet wird. Dies ist jedoch eine technische Formulierung zur Einleitung des absoluten Schwerpunktes des Falles und sollte auch nur als solche Verwendung finden.

3. Implementierung eines Erzählers („zu prüfen ist, ob…“)

Dies meint Fälle, in denen jeder Obersatz mit den Worten „Zu prüfen ist, ob…“ eingeleitet wird. Dies ist grundsätzlich nicht falsch, allerdings ist „zu prüfen ist, ob…“ eine Beschreibung dessen, was man tut, sodass eine Regieanweisung implementiert wird, die eine stilistische Distanz erzeugt und ein wenig unbeholfen wirkt.

4. Umschwenken in den umgekehrten Urteilsstil

Dies stellt einen der häufigsten Fehler in der Klausur dar. Beispiel: Dann müsste eine öffentlich- rechtliche Streitigkeit vorliegen. Da hier die streitentscheidenden Normen ausschließlich einen Träger hoheitlicher Gewalt berechtigen, liegt eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit vor. Hierbei wird nach dem Obersatz die Definition mit einer rudimentären Subsumtion verknüpft. Es wird also im Gutachtenstil begonnen und dann in den Urteilsstil umgeschwenkt, wobei hier zunächst die Begründung und erst danach das Ergebnis wiedergegeben werden.

5. Inflationärer Gutachtenstil

Dies meint den Fall, dass die gesamte Klausur ausschließlich im Gutachtenstil gelöst wird. Dies sollte vermieden werden. Vielmehr sollte ein Tempowechsel vorgenommen werden. So sollte bei unproblematischen Punkten auf den Urteils- oder Feststellungsstil zurückgegriffen werden und dort, wo die Schwerpunkte des Falles liegen, sollte im Gutachtenstil geprüft werden.